Lesung in Chur: Familiengeschichte trifft Modekrimi
In Kürze
Ein unvergesslicher Abend bei Bücher Lüthy in Chur als ich aus «High Heels – Heisse Mode» gelesen und von meinen familiären Wurzeln, der legendären Villa Svea und den Inspirationen für meinen neuen Modekrimi erzählt habe. Nach der Galerie finden Sie einen Auszug aus meinem Leseskript.
Die Bilder zeigen meinen Onkel Rico im zu seinem neuen Atelier umfunktionierten Salon der Villa Svea, zwei seiner Selbstportraits, eine kleine Auswahl seiner Portraits, die ich an der Lesung gezeigt hatte, einen Artikel des Bündner Tagblatts vom Dezember 2015 zu Ricos erster Ausstellung in der Alterssiedlung Bodmer sowie das Hochzeitskleid mit meiner Urgrossmutter an einem jungen Mädchen, das mit meiner Oma posiert. Auf den letzten Fotos sieht man das alte Atelier im Dachgeschoss. Die letzten drei Aufnahmen sind von Corina Hochholdinger, Mitarbeiterin des Rätischen Museums.
Impressionen von und zur Lesung
Onkel Rico alias Amadeo von Vilan - Auszug aus dem Skript zur Lesung
A guata Obat mitanand – schöh, dass Sie alli de herrlich Herbschttag mit miar wend beschlüssa und Ihra Wäg dohera gfunda hend! Dass i im schöna Khur dörf lesä, das bedütat miar sehr vil!
Aber bevor ich nun vollends den wunderschönen Bündner Akzent verhunze, fahre ich weiter auf Hochdeutsch, denn mein Züritütsch will ich weder den Gästen aus dem grossen Kanton noch euch Churern zumuten.
DANKE Frau Cahannes und ihrem Team von BÜCHER LÜTHY für die tolle Organisation und Werbung mit den stylischen Flyern und Plakaten!
Dass ich in Chur – dieser wunderbaren Stadt mit der für mich persönlich schönsten Altstadt, die mich zum Lokalkolorit einiger Schlüsselszenen inspiriert hat – lesen darf, bedeutet mir sehr viel: Hier habe ich meine familiären Wurzeln, mein Vater Hermann und mein Onkel Rico, meine Großmutter Inga und ihr Vater Carl Georg Bernhard, sind hier geboren und aufgewachsen. Mein Grossvater, Carl Otto Casparis, ein liebevoller Neni, charismatischer Mensch und engagierter Augenarzt, den ich für seinen Humor, seine ansteckende Fröhlichkeit und seinen sportlichen Ehrgeiz bewunderte, praktizierte noch bis ins hohe Alter im Jagdzimmer der Villa Svea.
Im verwinkelten Haus meiner Grosseltern verbrachte ich unbeschwerte Kindheitstage, am liebsten auf dem Dachboden. Schon damals faszinierten mich die unzähligen Truhen und die mit Aufklebern aus aller Welt bestückten Schrankkoffer, aus denen meine Oma Inga Casparis-Bernhard grossartige Schätze hervorzauberte: Uralte Spielsachen, Puppen mit Porzellanköpfen, einen Miniaturbauernhof mit holzgeschnitzten Tieren, ein komplettes Puppenhaus mit Porzellantellerchen, Fastnachtskostüme aus ihrer eigenen Jugend und sogar das Hochzeitskleid ihrer Mutter.
Vor den Jagdtrophäen meines Urgrossvaters an den Wänden und den ausgestopften Vögeln auf Sekretär und Bücherregal gruselte mir als Kind ein wenig. Aber ich erinnere mich noch heute an den einzigartigen Geruch aus Arvenholz und Pfeifentabak, den ich liebte, weil er mich in eine andere Epoche versetzte. Später als Teenager entdeckte ich das Atelier meines Onkels Rico mit seiner Jazzplattensammlung im erhöhten Turmzimmer, einer Vitrine mit den skurrilsten Reisesouvenirs aus aller Welt, einer gut bestückten Bar, hunderten Pinseln, Farbpaletten und anderen Malutensilien. An den Wänden hingen nebst den Werken von Ricos Künstler-Kollegen auch einige seiner eigenen Bilder.
Was keinen Platz an Wänden und Türen gefunden hatte, lehnte an Stühlen oder dem grossen Arbeitstisch, der sich durch den ganzen Raum zog. Später fand ich weitere Kunstwerke und die coolsten Werbeplakate aus den 30-er und 40-er Jahren zusammengerollt in einer Art Karbäuschen unter dem Turmzimmer. Frisch gemalte Aquarelle wurden mit Wäscheklammern an einer Leine zum Trocknen aufgehängt. Hinter einer stets verschlossenen Tür befand sich eine Art Grümpelkammer. Erst vor einigen Jahren, als ich mich um das Haus kümmern durfte, entdeckte ich, dass sich dahinter die Dunkelkammer meines Urgrossvaters befand.
Und hinter dem Vorhang des Karbäuschens lagerten teilweise hochgiftige Chemikalien – unentdeckt seit über 100 Jahren. Carl Georg Bernhard, der Vater meiner Grossmutter, Chemiker, Schokoladenpionier, Fotograf und Jäger baute die Villa Svea 1905 für seine schwedische Frau Stina. Es dauerte 2 Jahre, bis der Bau fertig und das Haus bezugsbereit war. Kurze Zeit später entwickelte er selbst auf Glas aufgezogene Farbfotografien, sogenannte Autochrome, nach einem komplizierten Verfahren der Gebrüder Lumière. Die beiden waren nicht nur die Erfinder der Kinematografie, sondern auch die ersten, welche ein Farbfotoverfahren industriell realisiert hatten.
Und mein Urgroßvater war einer der ersten, der dieses Verfahren selbst angewandt und genutzt hatte. Diese über 300 Fotos – teilweise eindrückliche Zeitdokumente – kann man online auf der Website des Rätischen Museums anschauen und am 31. Oktober gibt’s im Rätischen Museum eine Führung mit Vortrag über diese fotografischen Arbeiten meines Urgrossvaters, die ich Ihnen nur ans Herz legen kann.
Die längste Zeit verbrachte ich jedoch bei meinem Onkel Rico – einigen von Ihnen sicher noch bekannt als Maler und Zeichenlehrer – in der Villa Svea, wo ich ihm beim Malen über die Schulter schauen durfte und mir Geschichten aus seinem Leben erzählen liess.
Im hohen Alter funktionierte er den Salon, wo früher meine Gross- und Urgrosseltern Hof hielten, zu seinem Atelier um, weil er keine Lust mehr hatte, jeden Tag die vielen Stufen zu seinem Turmzimmer hochzuklettern. Und er malte er nur noch Portraits. Wenn ich ihm Fotos von Familie und Freunden brachte, kamen die meist ziemlich übel und eher als Karikaturen raus. Das liege an der schlechten Qualität der Fotos, schimpfte er dann und erklärte mir, wieso er am liebsten Portraitfotos aus Zeitschriften abzeichnete – die stammten eben von professionellen Fotografen. Eine Auswahl dieser Porträts illustrer Persönlichkeiten hängen im Altersheim Bodmer, wo mein Onkel mit über 95 Jahren seine erste grosse Solo-Ausstellung hatte. Und einige habe ich heute Abend mitgebracht.
Rico Casparis hat sich zeit seines Lebens bis auf ein paar kleinere und einige Gruppen-Ausstellungen im Kunsthaus geweigert, seine Bilder öffentlich zu zeigen, geschweige denn zu verkaufen! Er war zu bescheiden und wollte explizit den jungen Künstlern und solchen, die darauf angewiesen seien, ihr Brot damit zu verdienen, keine Konkurrenz machen … Nur sehr widerwillig und vielleicht auch aufgrund einer gewissen Altersmilde liess er sich von mir und dem damaligen Leiter des Altersheims Bodmer zur ersten und nach dem grossen Erfolg auch etwas leichter zur zweiten Ausstellung überreden. Als er dann auch noch auf der Frontseite des Bündner Tagblatts erschien, war er hocherfreut. Klar, dass mein Onkel in meinem neuen Roman und «Krimi aus der Modewelt» einen CameoAuftritt haben musste als eigenwilliger und etwas zerstreuter Künstler Amadeo von Vilan, der in der verwitterten Schokoladenvilla wohnt und den Dachstock an ein paar Studenten vermietet hat, die sich rührend um ihn kümmern.
Aus dieser Szene will ich Ihnen nun etwas vorlesen: Dazu ein paar Hintergrundinformationen: Amadeos Urgrossvater gründete zusammen mit Tara Bernhards Urgrossvater eine Schokoladenfabrik. Später zerstritten sich die Geschäftspartner der nächsten Generation und Taras Grossvater verkaufte seine Anteile an der Firma. Meine Hauptprotagonistin Tara Bernhard, die nach dem Tod ihrer Mutter, bei der Schwester ihres seit 25 Jahren verschollen Vaters aufwuchs, wusste von alledem nichts. Bis ihr Lieblingsklient, Karl Gerold Fuchs, Patron eines Familienunternehmens, von den Grünen Löwen, einer Gruppe militanter Modeaktivisten entführt wird und sie Fotos vom mutmasslichen Versteck erhält. Die verwunschene Villa kommt ihr bekannt vor und zwar nicht nur vom Etikett des Hausweins ihrer Tante Jo.